Europäisches Jugendtanzfestival Duisburg

1990 bis 1996

Künstlerische Leitung: Ulla Weltike
Choreographischer Direktor: Royston Maldoom

Das Europäische Jugendtanzfestival wurde 1990 mit engagierter Unterstützung des damaligen Kulturdezernenten Dr. Konrad Schilling gegründet. Bisher führte dieses Festival ca. 1000 Jugendliche aus 13 europäischen Ländern zusammen (Litauen, Polen, Türkei, Spanien, Italien, Griechenland, Portugal, England, Schottland, Wales, Holland, Deutschland – bis 1993 auch die DDR – und 1995 erstmals Gäste aus Südafrika.)

Highlights:

1990 – das Europäische Jugendtanzfestival in Duisburg, bis dahin einmalig in Deutschland mit über 2500 begeisterten Zuschauern in einer gefeierten Abschlußveranstaltung

1992 – ca. 40 7- bis 32-jährige junge Männer tanzten das Requiem von Fauré

1993 – Jugendliche der Caritas-Werkstätten Duisburg Niederrhein werden in das Projekt integriert: Das erste Mal, dass Behinderte in Deutschland auf einer Bühne tanzen

1994 – Jugendliche aus 8 europäischen Städten widmen ihren Tanz den Flüchtlingen aus Kroatien und Bosnien Herzegowina und eröffnen das Festival mit einer Spendenaktion nach Kroatien.

Allgemeiner Höhepunkt jedes Festivals ist die 10-tägige gemeinsame Erarbeitung und Einstudierung der Abschlußperformance zum jeweiligen Thema der Duisburger Akzente. Somit wird Tanz nicht nur ästhetische Ausdrucksform eines kulturellen Produktes, sondern dient vor allem dem interkulturellen, integrativen, also sozialen Prozess.

Die Art, wie Tänzer in einem Stück sich gegenseitig anstoßen, Bewegungen aufnehmen und weitergeben, variieren und weiterentwickeln, sagt immer auch etwas über die mögliche Art des Umgangs miteinander, wie und ob sich Verständigung herstellt. Zeitgenössischer Tanz liefert somit Modelle für den gesellschaftlichen Verkehr untereinander, denn er inszeniert immer Beziehungen zwischen Menschen (Norbert Serwos).

Damit liefert das Festival neben der Entwicklung des gemeinsamen Projektes auch einen anregenden und kommunikativen Beitrag zur Völkerverständigung. Tanz kann zudem, über alle Sprachbarrieren, über Vorurteile und nicht zuletzt über religiöse Unterschiedlichkeiten hinaus, als gemeinsame Sprache erfahren werden. Gerade in einer so multikulturellen Gesellschaft wie es “unser Haus Europa ist”, könnte der Tanz eine Schlüsselfunktion einnehmen, denn: “als das ästhetische Medium körperlicher, sprachloser Kommunikation ist Tanz das Feld, in dem der Respekt vor dem anderen und vor sich selbst zu einer körperlichen Notwendigkeit wird. Tanz kennt zwar nationale und kulturelle Differenzen, aber keine Grenzziehung oder Diskriminierung. Die Sprache des Tanzes macht jenseits sozialer Schranken und weltweiter Machtgefüge intersubjektive Verständigung möglich”. (Tanz aktuell 4/93). Die Entscheidung für Roysten Maldoom als choreografischen Direktor (England) und seine Assistenten bei allen 6 Europäischen Jugendtanzfestivals liegt in der nicht hoch genug einzuschätzenden qualifizierten und gefühlvollen Arbeit von Roysten Maldoom, der bekannt ist für seine ungewöhnlich groß angelegten Tanzaufführungen. Das zentrale Thema seiner Choreografien ist die spontane Beredsamkeit des Körpers ohne klassische Tanzschrittvorgaben, unvoreingenommenes Ausleben von Freude, Zärtlichkeit, Liebe aber auch Trauer und Wut und Mißtrauen gegenüber der menschlichen Natur.

Ein sehr erfolgreicher Dokumentarfilm zeigt ein vergleichbares Projekt von Royston Maldoom in Berlin

Die Festivals im einzelnen: 1990 beim 1. Europäischen Jugendtanzfestival im Rahmen der 14. Duisburger Akzente “Unser Haus Europa” wurde gemeinsam mit dem städtischen Konzertchor unter der Leitung von Guido Knüsel die Carmina Burana erarbeitet. “Das Glücksrad hat Wellen der Begeisterung geschlagen und großes Aufsehen in der Tanzwelt hervorgerufen” (London 1990). “Tanz im Freudentaumel. Carmina Burana ließ Grenzen verschwimmen. Die Tanzperformance mit ihrem Mut zur Selbst- und Körpererfahrung erreichte uns ungleich stärker als der perfektionistische akademische Tanz. Eine Vorstellung, die in ihrer grenzüberschreitenden Aktualität ihresgleichen sucht” (WAZ, Anke Meier, 1990).

1991 2. Europäisches Jugendtanzfestival 1991 im Rahmen der 15. Duisburger Akzente zum Thema “Gott, Götter, Götzen, Gurus” Requiem von Gabriel Fauré unter der musikalischen Leitung von Guido Knüsel und Le sacre du printemps von Igor Strawinsky. Das Requiem wurde von 40 Jungen und Männern im Alter von 7 bis 32 Jahren getanzt. “Einzigartiger symphonischer Jugendtanz in Duisburg. Faszinierendes Requiem, sensationeller Sacre. Die Gesamtwirkung beider Choreographien und ihre Tänzer waren überwältigend”. (Karl Foltz, Köln, Duisburg Jorunal 6/91). Grandioser Abschluß des Jugendtanzfestivals voller Kraft und Vitalität, der Beifall wollte kaum enden (Rheinische Post 91, M. Gethoff). Die Verbindung von heidnischer Ekstatik und existenzieller Verunsicherung kollektiver Todestrunkenheit und Todesangst des Einzelnen kam in der Darbietung der 100 Tänzer aus verschiedenen europäischen Städten zu erschütternder Wirkung (WAZ 91, Hajo Berns).

1992 3. Europäisches Jugendtanzfestival 1992 im Rahmen der 17. Duisburger Akzente zum Thema “Über die Liebe”. Verklärte Nacht von Arnold Schönberg, Catulli Carmina von Carl Orff und das Adagietto von Gustav Mahler. Wahre Triumpfe feierten die Tänzer und Choreographen bei der Abschlußveranstaltung des 3. Europäischen Jugendtanzfestivals. Traurig konnte man darüber werden, daß mit dieser glänzenden Veranstaltung das Festival für ein Jahr sein Ende gefunden hat (WAZ 92 J.O.). Wir erlebten eine ungeheure Einheit von Bild, körperlichem Ausdruck, Enthusiasmus und choreografischer Kühnheit. Eine wahrhaft gelungene Aufführung – ein rauschender Applaus (NRZ 92, S. Hajdamowiez).

1993 4. Europäisches Jugendtanzfestival 1993 im Rahmen der 17. Duisburger Akzente “Jugend und Aufbruch”. Vier letzte Lieder von Richard Strauß und In Forrests, Musikalische Leitung: Barry Gamberg. Grenzen mit Musik verschoben. Endlich! Es mußte einmal gezeigt werden, wie körperliche Übung, die von einer tänzerischen Bewegung ausgehen, in Verbindung mit Musik mit behinderten Jugendlichen gestaltet werden kann. Eine großartige Leistung (R.P. 93, A. Moers). Es war ein Finale der besonderen Art. Ein Projekt, für dessen Fortsetzung sich kein Sponsor zu schade sein sollte (NRZ 93, Pedro Obiera).

1994 5. Europäisches Jugendtanzfestival 1994 im Rahmen der 18. Duisburger Akzente “Macht und Moral”. Planets von Gustav Holts und Tryst von James MacMillan. Junge Tänzer aus Europa kann nichts aufhalten (Zuschauer als Sponsoren) (WAZ). Kaum bewegender hätte das Spannungsfeld zwischen Macht und Machtmißbrauch, kriegerischem Konflikt und der Sehnsucht nach Verständigung dargestellt werden können als bei der Abschlußveranstaltung des 5. Europäischen Jugendtanzfestivals, das unter dem Titel “Von Herz zu Herz zum Frieden” allen Flüchtlingen aus Kroatien und Bosnien Herzegowina gewidmet war. (R.P. 94, e.l.)

1995 6. Europäisches Jugendtanzfestival im Rahmen der 19. Duisburger Akzente zum Thema “Europa kommt aus Afrika” wurden die europäischen Grenzen gesprengt und 20 junge Südafrikaner aus den Townships eingeladen. “Sharing sorrow – sharing joy” Musik: Henryk Gorecki und Lifemusik aus Afrika, England, Lituen, Polen und Holland.

1996 7. Europäisches Jugendtanzfestival im Rahmen der 20. Duisburger Akzente zum Thema “Kraft des Alterns” “Days of morning and hope”. Musik: Requiem von Guiseppe Verdi. Tänzerinnen von 8 – 88 Jahren aus 4 europäischen Ländern. Auftritt der Tänzerin Else Lang in Ihrem 90. Lebensjahr. Am Klavier ihr Ehepartner und Musikdozent Karl Foltz.

WAZ-Kritik DU aktuell: Europa – das rauschende Fest, zum Ausklang des Europäischen Jugendtanzfestivals beweist das Gelingen einer guten Idee. Junge Tänzer aus europäischen Ländern weilten als Gäste in Duisburg, trafen sich zu Proben und schließlich auch auf der Bühne wieder. Das Festival war nicht nur tanzpädagogisch, sondern auch beim Publikum ein großer Erfolg. Wenn hoffentlich im nächsten Jahr die Akteure wieder in Duisburg zum Tanz bitten, kann ein europäischer Kulturaustausch mit Vorbildcharakter fortgesetzt werden.